Outtakes (1) – „Alfreds Autos“ (FwdZ)

Das Folgende waren die ursprünglichen Kapitel 8 und 9 von Fern wie die Zeit. André Gstettenhofer vom Zürcher/Berliner Salis-Verlag legte mir vor einiger Zeit einmal nahe, doch ein wenig am Manuskript herumzukürzen, und diese zwei fielen der resultierenden Streichlust komplett zum Opfer, zu Recht vermutlich, waren sie doch für den Fortgang der Story nicht wirklich notwendig.

Hier sind sie dennoch, als kleines Extra-Gimmick für den geneigten Leser.

Ich schaltete den Summer ein, sobald die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war, dann riss ich die Fenster auf, sog die Mischung aus Smog und Staub in meine Lungen und kramte das Telefonbuch hervor. Es gab ein Dutzend Autovermietungen in der Stadt, die in vernünftiger Entfernung zu Hendrichs’ Adresse lagen, aber sicherlich die wenigsten von ihnen lackierten ihre Karren ausgerechnet in Hellblau. Es war einen Versuch wert. Eine andere Idee hatte ich für den Moment sowieso nicht.

Im Café unten trank ich ein Gläschen und klemmte mich dann mit meinem Telefonbuch hinter deren Apparat. Die erste Vermietung sagte, ihre Wagen seien weiß, alle. Die zweite hatte weiße mit einem blauen Streifen, aber ob der jetzt die richtige Sorte Hellblau war, konnten sie mir auch nicht sagen. Die dritte wünschte mich zum Teufel und sagte mir, ich solle die Leitung freimachen, rückte dann doch damit heraus, dass ihre Lieferwagenverdammt nochmal rot seien, und knallte mir den Hörer ins Gesicht. Bei der vierten und der fünften hatten sie es nicht nötig, Geld zu verdienen, denn es ging niemand ans Telefon. Die sechste schließlich hatte überhaupt kein Farbkonzept für ihre Fahrzeuge, sondern ließ sie so, wie sie gerade kamen. Einen blauen Lieferwagen hatten sie aber nicht. Ich machte eine kurze Pause und organisierte einen weiteren Schluck. Dann raufte ich mir die Haare und rauchte eine Zigarette.

Die siebte Autovermietung hatte an diesem Tag geschlossen, wie mir die Telefonansage verriet. Bei der achten schließlich ging jemand an den Apparat, der seiner Stimme nach zwischen achtzig und hundertzehn Jahre alt oder der stärkste Raucher war, mit dem ich je zu tun gehabt hatte. Nach ein paar einleitenden Honigworten, die mir schon wie von selbst über die Lippen kamen, fragte ich nach den Wagenfarben und bekam ein energisches „Wie bitte?“ zur Antwort.

„Die Wagenfarbe! Welche Farbe haben Ihre Fahrzeuge?“, bellte ich ins Telefon.

„Warum wollen Sie das wissen?“, kam es zurück.

„Ich liebe blaue Autos. Ich möchte einen blauen Lieferwagen mieten. Haben Sie welche?“

„Ja. Ja!“ Räuspern am anderen Ende, das klang wie ein Schraubenschlüssel auf einer Küchenreibe. „Wir haben einen blauen Lieferwagen. Ein schönes Modell. Der wird Ihnen bestimmt gefallen.“

„Der Wagen hat nicht zufällig einen Lackschaden an dem einen Kotflügel?“

Kurze Stille in der Leitung. „Nicht, dass ich wüsste. Der letzte Kunde hat mir nichts dergleichen angegeben.“

„War der Kunde ungefähr Anfang dreißig, mit dunklem Haar, einem verfilzten Schnurrbart und recht energischen Augen?“

„Das ist länger her. Warten Sie ’nen Moment…“ Ich wartete den Moment, während dessen er sich zu erinnern versuchte. „Nein. Es war eine blonde Dame, wenn ich mich recht entsinne.“ Dann: „Warum?“

Ich atmete zischend ein. „Könnten Sie am Wagen nachschauen? Ich wäre Ihnen sehr verbunden.“

„Das sind wir doch jetzt schon.“

„Was?“

„Na, verbunden.“ Er lachte so blöde wie furchteinflößend über seinen eigenen Witz. „Also schön, ich mach’s. Bleiben Sie am Apparat.“

Er machte sich auf, und ich legte den Hörer beiseite und zündete mir eine Zigarette an. Es dauerte ziemlich genau diese Zigarettenlänge, bis mein Gesprächspartner sich wieder zu Wort meldete.

„Hallo, hören Sie? Da ist tatsächlich ein Schaden am linken Kotflügel.“ Seine Stimme klang anders jetzt. Untröstlich, um genau zu sein.

„Seien Sie so nett und geben Sie mir nochmal Ihre Adresse. Ich würde Sie gerne besuchen.“

„Ja, aber … aber…“

„Was ist?“ fragte ich, auf eine Ausrede gefasst.

Er schluchzte es eher, als dass er es sagte: „Aber so kann ich Ihnen den Wagen doch nicht vermieten!“

Es begann schon zu dämmern, als ich endlich vor Ort war. Der Laden lag am Ende einer Sackgasse, eingequetscht zwischen einem Bürogebäude und zwei Lagerhallen. In dem violett werdenden Licht des sich neigenden Tages wirkte die Szenerie wie eine Industrie-Phantasie in Öl von einem Gebrauchskünstler. Über der Einfahrt stand in altmodischer Schnörkelschrift „Alfreds Autos“ auf einem verwitterten Schild, das vor dreißig Jahren wohl der Stolz des Inhabers gewesen war. Jetzt wirkte es mit seiner Großvaterschrift einfach nur noch so altbacken wie Brötchen vom Vortag.
Das Büro befand sich in einem kleinen, angefressenen Häuschen in Bungalow-Bauweise, das hintenraus zugleich als Wohnung diente. Ein älterer Mann stand in der geöffneten Tür und hob die rechte Hand zum Gruß, sobald er meiner ansichtig wurde. Eine Zigarre qualmte in seiner linken, und ein Geruch wie von glühenden Sägespänen lag in der Luft. Ich nannte meinen Namen und sagte, ich hätte angerufen. „Sie sind Alfred?“, fragte ich.

„Nennen Sie mich Al. Ich hab Ihre Stimme gleich erkannt. Sie wollen den blauen Lieferwagen sehen. Kommen Sie, kommen Sie mit.“

Seit dem Ende unseres Gesprächs hatte er sich wieder gefasst. Er hoffte auf ein Geschäft, egal in welchem Zustand der Wagen war. Auf dem Hof hatten sie gerade genug Platz für ihre paar Autos, aber es war eng: Viel schien nicht verliehen zu sein. Wir fädelten uns an zwei offenen Pritschenwagen vorbei und quetschten uns zwischen der Hauswand und einem älteren, großen Kombi durch, wobei ich versuchte, keinen klaustrophobischen Anfall zu bekommen. Dann standen wir vor dem Gefährt.

„Ein Prachtstück, nicht wahr? Ein wunderbarer Farbton, und innen drin mit genügend Platz für einen ganzen Umzug. Der Motor von dem Baby schnurrt nur so.“ Er tätschelte die gedrungene Motorhaube. „Sie werden es nicht bereuen.“

Er faselte weiter in der Art. Ich hörte gar nicht auf seinen von gelegentlichen Hustenanfällen unterbrochenen Singsang, sondern ließ mich auf ein Knie herab und besah mir die Kotflügel. Eine breite Schramme zog sich links von der Stoßstange und über den Radkasten, und die Farbe stimmte. Ich prägte mir das Nummernschild des Wagens ein und stand wieder auf. „Kommen Sie, lassen Sie uns in Ihr Büro gehen“, sagte ich unverbindlich. Während des kurzen Weges schwadronierte er weiter über seinen Karren, so leidenschaftlich, als seien es Rennpferde, die er selbst gezüchtet hatte.

Drinnen zog sich eine Art Tresen vor der hinteren Wand entlang, neben einem kurzen Gang, über dem ein WC-Schild hing, und er schlüpfte hinter den Tresen und öffnete ein dickes, schlecht gebundenes Buch, das ungefähr zur Hälfte gefüllt war. Dann begann er, nach einem Mietvertrag zu suchen. Ich unterbrach ihn dabei.

„Ich bin Privatdetektiv“, sagte ich ihm, „und ich suche nach der Person, die den Wagen als letztes geliehen hat. Können Sie mir weiterhelfen?“

Er blickte auf, irritiert zuerst, dann huschte ein dunkler Ausdruck über sein Gesicht. Dann hustete er. Ich wollte ihm auf den Rücken klopfen, aber er wehrte ab. „Sie wollen überhaupt nicht mieten?“, grunzte er.

„Nein, eigentlich nicht. Ich möchte nur eine Auskunft.“

„Warum sagen Sie das nicht gleich, bevor ich mir wie ein Idiot den Mund fusselig rede?“

Er tötete den Stumpen seiner Zigarre im Aschenbecher und holte eine neue hervor, die er umständlich bearbeitete. Der Ascher auf dem Tresen hatte die Größe einer Suppenschüssel, darin die durchschnittliche Wochenproduktion eines Kleintierkrematoriums. Er hatte nicht viel zu tun den ganzen Tag. „Es tut mir leid. Ich hätte dran denken sollen“, versuchte ich ihn zu beschwichtigen. „Was ist? Wären Sie so nett?“

Seine Umgänglichkeit verflog wie Parfüm auf einer Tanzveranstaltung. „Unsere Geschäftsbeziehungen gehen niemanden etwas an“, zischte er zusammen mit einer Portion Rauch. „Tut mir leid, das gilt auch für Sie. Wir sind seit dreißig Jahren in diesem Geschäft tätig, und wir wissen, was wir unserer Kundschaft schuldig sind.“

„Ja, ich sehe, wie gut Ihr Geschäft läuft“, meinte ich. „Demnächst werden Sie anbauen müssen. Kommen Sie, ich brauche nur einen Namen.“

„Und den kann ich Ihnen nicht geben.“ Ohne nachzudenken zerschellte er auch diesen Stumpen energisch im Aschenbecher, wie um seine Entschlossenheit zu unterstreichen. Als er merkte, was er getan hatte, fluchte er und fummelte wieder in seiner Westentasche.

Ich seufzte. Dann griff ich in meine Innentasche und legte ihm einen Zehner auf den Tisch. „Es ist doch nur eine Auskunft. Das dürfte ungefähr hinkommen, oder?“

Er schob mir den Schein wieder zu. „Nehmen Sie Ihr Geld und verschwinden Sie. Ich kann Ihnen nicht weiterhelfen.“

„Wenn das Ihr letztes Wort ist…“

„Das ist es, ganz genau.“

Ich steckte den Schein wieder ein und tat so, als wollte ich gehen. Auf halbem Weg zur Tür markierte ich einen Einfall, kratzte mich verlegen am Kopf und fragte: „Kann ich noch kurz Ihre Toilette benutzen? Es war ein ziemlich weiter Weg hier raus, und …“

Al kämpfte kurz mit sich, dann gewannen wie erwartet die Manieren eines vergangenen Zeitalters die Oberhand. „Wenn es unbedingt sein muss“, seufzte er. „Aber beeilen Sie sich, und machen Sie dann, dass Sie wegkommen.“

Er wies mir den Weg zu dem kurzen Gang neben seiner Bastion, an dessen Ende ich tatsächlich die Bedürfnisanstalt fand. Sie war schäbig, aber sauber, so wie der ganze Laden, und strahlte einen merkwürdigen Stolz aus. Seht her, sagte dieser Lokus, wir sind arm, aber stolz. Mit einer solchen Einstellung hatte ich noch nie etwas anfangen können – das wäre gewesen, wie mir selbst ins Gesicht zu schlagen.

Ich schloss die Tür hinter mir und lungerte ein bisschen herum, um das Geschäft vorzutäuschen. Dann zog ich eine Handvoll Papierhandtücher, stopfte sie in den Ausfluss des Waschbeckens und drehte das Wasser auf. Einen Moment lang sah ich zu, wie sich das Becken füllte, dann war ich zufrieden. Ich ließ die Tür zur Toilette leicht geöffnet und ging den Gang entlang zurück. Am Tresen vorbeischlüpfend stieß ich ungeschickt einen Stapel Unterlagen zu Boden und murmelte eine Entschuldigung, während ich zusah, dass ich Land gewann. Dass ich mich vor der Tür an die Bretter seiner Bude drückte, merkte Al nicht – er kroch am Fußboden herum.

Ich musste nicht lange warten, vielleicht fünf Minuten, bis das erste klare Wasser aus dem Gang ins Büro sickerte. Erst war es nur ein kleines Rinnsal, schließlich aber wurde Al darauf aufmerksam. Er fuhr von seinem Stuhl hoch und eilte den Gang hinter, begleitet von einem ungläubigen Stöhnen aus den gemarterten Lungen. Ich eilte leise zurück in den Raum. Das Buch, das, wie ich angenommen hatte, das Mietverzeichnis war, lag noch immer auf dem Tresen. Säuberlich aufgeschlüsselt nach Zulassungsnummern standen darin die Fahrzeuge seines Fuhrparks, alles in einer kaum zu entziffernden, antiken Sütterlinschrift, weswegen ich ein bisschen brauchte, bis ich meinen Wagen gefunden hatte, und noch einen Moment länger, um den Namen und die Adresse zu entschlüsseln. Claire Gutmann lautete der Name der blonden Frau. Das Ausleihdatum war von vor ziemlich genau zwei Wochen. Ich notierte Name und Adresse, holte den Zehner wieder hervor, klemmte ihn unter das Buch und machte, dass ich davonkam, bevor der alte Mann wieder aus den sanitären Niederungen auftauchte. Er wäre nicht gut auf mich zu sprechen. Und ich konnte ihm das nichtmal verdenken.

11. Juli 2013 von Florian Popp
Kategorien: Hard-boiled, Outtakes, Schreiben | Schreibe einen Kommentar

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