Warum Self-Publishing?

Im deutschen Sprachraum haftet ihm immernoch der Geruch des Minderwertigen an, dem Selbstverlag, neudeutsch, aus Amerika kommend und auch von mir „Self-Publishing“ genannt: Ein richtiger Autor macht sowas doch nicht, oder? Da kann ja jeder publizieren, da ist ja nichts dabei, kein Verlag hat seine Finger mit drin und die Qualität bleibt auf der Strecke – so zumindest lauten gängige Vorurteile. Warum entscheidet sich dann trotzdem einer für diesen Weg?

Um von vornherein keinen falschen Eindruck zu erwecken: Letztendlich entschied ich mich fürs Self-Publishing, weil ich nicht drumherum kam. Aber der Reihe nach.

Fern wie die Zeit

Mein Erstling war eher ein Produkt des Zufalls als ein Wunschkind: Ich dachte damals, nur eine weitere Short Story für die Schublade zu schreiben, musste nach über fünfzig Seiten allerdings zugeben, dass dies wohl keine Kurzgeschichte mehr werden würde. Zwei Jahre und fast neunzigtausend Worte später stellte ich fest, dass ich einen Roman geschrieben hatte. Der war genretechnisch zwischen allen Stühlen, von Ort und Zeit her gewollt unbestimmt und auch noch von einem unbekannten Neuautoren (mir selbst), aber das schüchterte mich nur kurz ein, und so machte auch ich mich daran, den üblichen Gang anzutreten: Postsendungen an jede Menge Agenturen folgten, klassisch mit dreiseitigem Exposé, Leseprobe und Autorenvita, mit allen guten Wünschen ausgestattet für ihren Weg ins Unbekannte, und mit der Gewissheit, nun monatelang vermutlich erstmal gar nichts zu hören. Wie es auch kam.

Die Agenturen

Die Agenturen fanden Fern wie die Zeit gar nicht mal schlecht. Das nützte aber nichts: Sie fanden es nämlich auch nicht gut genug. Nach welchen Gesichtspunkten, kann ich nicht sagen; nur zwei Agenturen ließen (auf hartnäckiges Nachfragen hin) verlauten, es läge an der Genremischung, die man vermutlich nicht verkaufen könne. Ich sollte mich aber gerne wieder melden, mit einem anderen Roman, wenn ich denn einmal einen weiteren hätte. Einen weiteren hieß hier: einen grundlegend anderen.

Die Verlage

Ein wenig ernüchtert, aber unverzagt („Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“) sandte ich die bekannte Dokumenten-Mischung nun an die Verlage, große und kleine, wo immer ein Krimi mit fantastischem Einschlag vielleicht unterkommen konnte. Es folgte: die bekannte, lange Pause. Und so verging ein weiteres halbes Jahr.
Schließlich trudelten die ersten Antworten ein. Ich machte Bekanntschaft mit der Verlags-Formabsage, die in erster Linie so formuliert ist, dass sie auf alles passt und dem hoffnungsvollen Autoren keine Angriffsfläche bietet (es sollen zuvor schon die entrüstetsten Retourschreiben eingegangen sein). Auf höfliche Emails der Zurkenntnisnahme erfuhr ich auch hier in ein, zwei Fällen wieder: Eigentlich, ja … aber das Genre.

Der Ausweg

Nun gibt es (und gab es bereits im Jahr 2012) mittlerweile auch andere Möglichkeiten, zu veröffentlichen: Zwar ohne den großen Namen des Verlags (schade, aber verschmerzbar), ohne Werbung (die ein Neuautor aber ohnehin selten bekommt) und ohne Lektorat (schon ärgerlicher, aber vielleicht kompensierbar?) – dafür aber mehr oder minder selbstbestimmt, relativ unkompliziert und auf den ersten Blick sogar irgendwie umweltfreundlich, da ohne Papier: Amazons „Kindle Direct Publishing“, das E-Book-Portal für den Kindle-Reader von Amazon.

Zig Korrekturläufe (die dennoch ein paar Fehler übersahen), ein erstes Cover „meiner“ Grafikdesignerin und jede Menge anderer logistischer Mühen später, darunter der Kauf eines eigenen Kindles
zwecks realistischer Überprüfung des Endprodukts, erblickte Fern wie die Zeit schließlich doch das Licht der Welt – als Datensalat zum Download. Nicht unbedingt das, was man sich zu Beginn einer literarischen Karriere so vorstellt, aber doch, immerhin …

Warum Self-Publishing?

Was als Notbehelf begann, ist mir ein halbes Jahr später lieb geworden, aus folgenden Gründen:

  • Kontrolle über den Inhalt (1):

    Ob zum Vor- oder Nachteil, der Autor bestimmt, was erscheint. Falsches Genre? Seltsames Crossover zwischen X und Y? Im Verlagsprogramm vielleicht ohne Chance, als Self-Publisher aber mit voller Freiheit für das Experiment.

  • Kontrolle über den Inhalt (2) (für Pietisten):

    Mit meinem Abitur aus dem Jahr 2000 habe ich in der Schule größtenteils noch die „Segnungen“ der alten deutschen Rechtschreibung „genossen“. Soll heißen: Nicht alles, was reformiert wurde, war auch schlecht, eher im Gegenteil. Als Self-Publisher kann ich im Notfall schreiben, wie ich es für richtig erachte (wenn mich die Reviewer auf Amazon dafür manchmal auch bitter abstrafen, aber was soll‘s).

  • Das liebe Geld:

    Reich werde ich mit Fern wie die Zeit erstmal nicht, wie sich bald herausstellte (und die Hoffnung stirbt ja bekanntlich immer zuletzt, sie ist ein störrisches Biest). Dennoch gilt bei Amazon für ein E-Book aus der mittleren Preislage (von 2,60 bis 9,99 Euro): 70 Prozent vom Verkaufspreis gehen an den Autor. Vielleicht wird nicht viel verkauft – aber diesen Prozentsatz müssen die Verlage erstmal schlagen: Bei einem Verlags-E-Book erhält der Autor fast immer maximal 25 Prozent, bei den Printausgaben acht bis zehn (also einen dicken, fetten Euro bei einem durchschnittlichen Taschenbuch).

  • Flüchtigkeit als Chance:

    Und wenn man Rechtschreibung und Grammatik noch so gut beherrscht, übersehene flüchtige Fehler schaffen es immer ins (E-)Buch – weil man es als Autor zu gut kennt: Man liest, was man erwartet zu lesen, und fällt dann aus allen Wolken, wenn man schließlich mit der Nase drauf gestoßen wird, was einem da wieder für ein Schnitzer durchgerutscht ist, obwohl man doch so sicher war, dass …
    Hier ist das Schöne am E-Book: Eine Korrektur ist relativ schnell gemacht – und jeder bisherige Käufer kann sich sein Exemplar von Amazon updaten lassen (wie, steht beispielsweise direkt auf der Produktseite von Fern wie die Zeit – dessen aktuelle Version übrigens, wen’s betrifft: 5.0).

    Wer noch mehr (und noch Grundsätzlicheres) übers Self-Publishing erfahren will, dem sei das Blog von J. A. Konrath empfohlen, einem amerikanischen Autoren, den man nicht unbedingt kennen und dessen Bücher man nichtmal mögen muss, der aber in den letzten Jahren eine Menge Geld verdient hat mit dem, jawohl, Self-Publishing – in Amerika natürlich, wo solche Dinge offenbar schneller ins Rollen kommen, und mit einem literarischen Ausstoß jenseits von Gut und Böse, den ich auch mal gern erreichen würde. Jedenfalls, vielleicht für den einen oder anderen als „weiterführende Literatur“ (auf Englisch, of course) interessant:

    Ebooks and Self-Publishing
    Exploited Writers in an Unfair Industry

    Zufrieden mit Self-Publishing?

    Eines bedeutet Self-Publishing vor allem: dass man erst einmal auf sich alleine gestellt ist. Zwar gibt es wertvolle Hilfen, wie beispielsweise ein (ebenfalls) E-Book von Wolfgang Tischer, das bei den ersten Schritten des digitalen Veröffentlichens hilft, oder ein (genau) E-Book von Daniel Morawek, das dasselbe für die eigenen Anfänge mit CreateSpace, Amazons Plattform für Print-on-Demand, unternimmt – letztendlich aber gilt Versuch-und-Irrtum. Ein „echter“ Verlag ist, so man ihn ergattert, hier vermutlich mehr als hilfreich – wenn man denn in den Genuss all seiner Ressourcen kommt, was heutzutage auch nicht mehr selbstverständlich ist, werden Budgets wie Personaldecken doch immer knapper.

    Auch in Sachen Marketing gilt: Selbst ist der Mann (und auch die Frau). Hätte ich in diesem Bereich einen klugen Tipp zu geben, ich täte es – bin aber selbst noch am Hin-und-her-Probieren (und nehme gute Tipps meinerseits gerne entgegen).

    Und zu guter Letzt ist aller Erfolg immer auch flüchtig, und auf tolle Verkaufszahlen im einen können plötzliche Dursttrecken im nächsten Monat folgen, oder ein halbes Dutzend (für einen selbst natürlich unerklärliche) negative Bewertungen prasseln hintereinander auf einen ein – aber das ist ein anderes Thema für einen eigenen Post.

    Schlussendlich gilt:

    Self-Publishing ist ein Abenteuer, auf das man sich einlassen muss, bereit zu lernen und sich zu verbessern. Ob es sich schließlich lohnt? In Sachen Geld ist das die Frage – aber jede positive Rückmeldung zum eigenen Buch belohnt einen wiederum auf ihre eigene Weise, mit bis zu den Ohren hochgezogenen Mundwinkeln … :-)

    10. Juli 2013 von Florian Popp
    Kategorien: Schreiben, Self-Publishing | Schreibe einen Kommentar

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